Regelgerechtigkeit: Fairness im Verfahren
Auch: Prozessgerechtigkeit, Verfahrensgerechtigkeit, prozedurale Fairness
Regelgerechtigkeit ist die Fairness des Verfahrens, nicht des Ergebnisses. Man spricht auch von Prozessgerechtigkeit. Ein einfaches Beispiel ist „Ich teile, du wählst“. In Verhandlungen heißt das: Achten Sie auf einen fairen Prozess und sprechen Sie darüber, wie Sie miteinander verhandeln.
Zwei Arten von Fairness
Fairness betrifft das Ergebnis und den Weg dorthin. Für das Ergebnis, die Verteilungsgerechtigkeit, gibt es vier Grundprinzipien: Gleichheit, Leistung, Bedarf und Macht. Jedes lässt sich begründen, deshalb gibt es kein objektiv faires Ergebnis. → Fairness, Verteilungsgerechtigkeit
Regelgerechtigkeit fragt dagegen: War das Verfahren fair? Der Ökonom Friedrich A. Hayek gab ihr den Vorrang vor allen anderen Gerechtigkeitsbegriffen.
Ein Beispiel aus der Fabel
In einer Fabel des Äsop gehen Löwe, Esel und Fuchs gemeinsam auf die Jagd. Der Esel teilt die Beute in gleiche Teile und schlägt ein Verfahren vor: „Ich teile, du wählst.“ Der Löwe zerreißt ihn. Der Fuchs überlässt dem Löwen danach fast alles. Wer seine Vorstellung von Fairness nicht durchsetzen kann, dem hilft sie wenig. Deshalb lohnt es sich, das Verfahren früh anzusprechen.
Der Schleier des Nichtwissens
Der Philosoph John Rawls schlug vor, Gerechtigkeitsregeln so zu bestimmen, als wüsste man nicht, welche Position man selbst einnimmt. Seine Gerechtigkeitstheorie ist damit vor allem eine Theorie der Verfahrensgerechtigkeit. In Verhandlungen liegt oft ein ähnlicher Schleier über dem Wert, der sich noch schaffen lässt.
So setzen Sie Regelgerechtigkeit ein
- Sprechen Sie zu Beginn darüber, wie Sie verhandeln wollen.
- Schlagen Sie einen Ablauf vor, statt ihn vorzugeben. Viele nehmen einen Vorschlag gern an.
- Nehmen Sie mögliche Eskalationen vorweg, etwa durch eine vereinbarte Pause.
- Wird es unfair, benennen Sie Ihre Standards, ohne der Gegenseite Unfairness vorzuwerfen.
- Bereiten Sie Fairness-Argumente vor, die Ihren Interessen nützen.
Häufige Fragen
Was ist Regelgerechtigkeit?
Die Fairness des Verfahrens, auch Prozessgerechtigkeit. Sie fragt, ob der Weg zum Ergebnis fair war, nicht, ob das Ergebnis fair verteilt ist.
Was ist der Unterschied zur Verteilungsgerechtigkeit?
Verteilungsgerechtigkeit bewertet das Ergebnis nach Prinzipien wie Gleichheit, Leistung, Bedarf oder Macht. Regelgerechtigkeit bewertet das Verfahren.
Warum ist Regelgerechtigkeit in Verhandlungen wichtig?
Fairness spielt immer eine Rolle, wenn die Gegenseite das Ergebnis akzeptieren soll. Das gilt umso mehr, wenn die spätere Umsetzung oder eine langfristige Beziehung wichtig ist.
Quellen: Hayek, F. A. (2003): Recht, Gesetz und Freiheit. Tübingen. · Forsyth, D. R. (2006): Group Dynamics. Belmont. · Rawls, J. (1971): A Theory of Justice. Cambridge (MA). · Hoeppel, A. (2022): Redefining the Pie. Negotiation Journal 38(4).
Ausführlich im Blog: Fairness in Verhandlungen
Verwandte Begriffe
Weitere Begriffe im Detail
Verhandlungsarten
Man unterscheidet zwei Grundformen.
LesenBegriffVerhandlungsstile
Idealtypisch unterscheidet man einen harten und einen weichen Verhandlungsstil.
LesenBegriffHart in der Sache, weich zur Person
Der Grundsatz heißt: Bleiben Sie bei Ihren Interessen standhaft und gehen Sie mit der Person respektvoll um.
LesenBegriffe kennen ist der Anfang.
In Modul I verhandeln Sie selbst und erhalten eine objektive Rückmeldung zu Ihrem Ergebnis.
Modul I ansehen
nachnordosten GmbH · München · info@nachnordosten.de